Ein Doppelzentner Kartoffeln mit Gefühlen

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Kartoffelbrei

Vermutlich fühlt sich jeder mal nicht gut oder ist ab und an dünnhäutiger als üblich, oder schluckt seine Wut meist runter, lässt sich nichts anmerken – einfach lächeln und weitermachen.

Aber so geht das nicht immer. Ich kann nicht einfach so lächeln und weitermachen. Ich fühle mich absolut demotiviert und ungenügend. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass ich mir selbst gegenüber gut gesonnen sein sollte. Das klappt eher so mittelmäßig. Ich erfülle zwar meist meine Erwartung an mich selbst, aber oft denke ich danach, das mach ich beim nächsten Mal besser, das ist noch keine Leistung, auf die ich stolz sein oder auf der ich mich ausruhen kann. Wenn ich mir selbst eine Schulnote geben müsste, wäre diese häufig „ausreichend“, weil ich mich einfach viel zu oft vergleiche. Ich weiß, das ist falsch, aber woher diese extrem kritische Einstellung zu mir selbst kommt, habe ich dieses Wochenende wieder erfahren.

Erwachsen und doch ganz klein

Ich werde in wenigen Wochen 39, das heißt: fast 40. Eigentlich sollte man meinen, müsste ich eine erwachsene, in sich ruhende Person sein, die weiß, was sie kann und die selbstbewusst auch zu ihren Schwächen steht. Eigentlich. In Wahrheit ist dieses Konstrukt ganz schnell ein- oder abgerissen. Eine mir sehr nahstehende Person braucht für meinen inneren Abriss wie gewohnt nur einen einzigen, spitzen Satz. … „Die Sassa im Trapez, da kann man auch einen Doppelzentner Sack Kartoffeln reinhängen“… Während des gemeinsamen Essens, sagte ich noch lächelnd „Hömma“, weil ich wie immer keine schlechte Stimmung verbreiten wollte. Doch das war falsch, denn mit dem Spruch hat mich diese Person verletzt und das hätte ich ihr richtigerweise sagen müssen. Was ist nun also erwachsen? Faust inne Tasche machen, lächeln und weitermachen? Oder sagen, dass dieser Spruch mich verletzt hat und riskieren, dass die Stimmung kippt? Jetzt ärgere ich mich doppelt und dreifach: Da ich A) wie immer ihr gegenüber nichts entgegengesetzt habe, B) ich zugelassen habe, dass sie mich mit diesem Spruch so zerstört hat und ich C) sauer auf mein Unvermögen bin, ihr zu sagen, dass mich das verletzt hat.

Dunkelheit zerfrisst mich

Stattdessen ist passiert, was ich von früher sehr gut kenne: Ich fühle mich dunkel und leer. So, als wäre in mir ein schwarzes Loch, dass mich aufsaugt und verschwinden lässt. So dunkel, dass sich meine Kehle zuschnürt. So dunkel, dass ich schreien will, es aber wie immer nicht tue, um nicht unangenehm aufzufallen. So dunkel, dass ich den ganzen Tag nur 2 trockene Laugenbrötchen gegessen habe, weil: Als Doppelzentner bin ich ja schon fett genug. So dunkel, dass zuhause die Tränen laufen, weil es außer den Katzen hier niemand mitbekommt. So dunkel, dass ich mich heute Abend auf die Rolle gesetzt habe und statt normalem Intervalltraining fast einen Dauerintervall gestrampelt habe. Maximaltempo. So dunkel, dass mich mein Unvermögen, dieses Tempo dauerhaft zu halten, nur noch mehr darin bestätigt hat, dass ich zu keiner Leistung fähig bin.  So dunkel, dass ich dieser Person wie immer Recht gebe, dass ich nur ein Doppelzentner Sack Kartoffeln bin – ein Looser, zu nichts in der Lage außer dumpfem Sein. So dunkel, dass mir jetzt alles egal ist und ich einfach schonungslos ehrlich schreibe, wie es in mir aussieht: Ein Doppelzentner Kartoffelpüree.

Privates sollte privat bleiben

Möglicherweise (ich höre ihre Worte schon in meinem Ohr) hat meine Mama Recht, wenn sie jetzt wieder sagt, dass sowas nicht in die Öffentlichkeit gehört, dass das privat bleiben soll, weil es nur mich betrifft. Ich denke mir aber, dass es hier hin gehört. Allein schon deshalb, weil ich für mich erkannt habe, dass ich das nicht für mich behalten muss, dass ich sagen darf, dass ich verletzt bin. Möglicherweise reagiere ich in anderer Leute Augen gerade über, mache mich dadurch noch angreifbarer, oder ich bin zu dünnhäutig, aber Fakt ist: ich bin verletzt. Und darüber hinaus verletze ich mich durch meine Selbstkasteiung und meinen Selbsthass noch mehr. Hoffentlich werde ich irgendwann dazu in der Lage sein, dieser mir sehr nahestehenden Person mal in ruhigem Ton zu sagen, dass auch ein Doppelzentner Sack Kartoffeln Gefühle hat. Ohne Vorwurf. Einfach nur als Zustandsbeschreibung. Und dann schreibe ich das hier auch für diejenigen, denen es vielleicht ähnlich geht. Lasst uns versuchen gut zu uns selbst zu sein. Übrigens: Kartoffeln, auch zu Brei gestampft, sind lecker.

Eure Kia

KategorieEinstellungssache
Kia

von

Ich bin Kia – eigentlich Saskia – und schreibe hier über meine persönlichen Erfolge, Misserfolge, und Freuden meines Alltags. Ich bin gerne an der frischen Luft und fühle mich pudelwohl, wenn ich mich bewegen kann. Hauptsache kein Stillstand.

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