Schöne Beine – ein Kompliment und seine Folgen

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Yeah

Letztens sagte mir doch tatsächlich eine Kollegin „Du hast so schöne Beine.“ Erst musste ich lachen, fragte, ob sie mich veräppeln will, denn ich finde nicht, dass meine Beine schön sind. Aber sie meinte es wirklich ernst und ich nahm das Kompliment einfach mal dankend an.

Irgendwann abends ging ich mit guter Laune nach Hause. Das Kompliment zu meinen Beinen flatterte freudig aufgeregt in meinem Kopf hin und her, als wenn es noch nicht genau wüsste, wo es sich platzieren soll. Und tatsächlich, ich weiß immer noch nicht so richtig, wo ich die Schönheit meiner Beine einordnen soll: Denn in meinem Hirn existiert Schönheit im Bezug auf meinen Körper nicht. Ich finde nichts an mir wirklich schön, eher so okay, oder nicht soooo schlecht, was dazu führt, dass mich dieses Kompliment überfordert.

Um einfach mal bei meinen Beinen zu bleiben und der Tatsache, dass eine andere Person diese ernsthaft schön findet, versuche ich zumindest positive Dinge zu meinen Beinen und meinem Körper zu finden. Meine Beine sind relativ gerade und stabil. Also nicht fett, aber auch nicht dünn. Meine Waden sind trotz Muskulatur schlank, meine Knöchel stabil. Meine Oberschenkel finde ich fett, denn ich kann im Sommer keine Röcke tragen ohne Hilfsmittelchen, die das aneinander reiben meiner Oberschenkel verhindern. Ich kann auch bei heißen Sommer-Läufen keine sehr kurze Hose anziehen, eben weil diese Schenkel immer aufgescheuert werden. Also von einer Thigh Gap, die laut Instagram anscheinend immer noch Schönheitsideal ist, bin ich jedenfalls meilenweit entfernt. Aber meine Beine sind sehr funktionstüchtig, ohne sie könnte ich gar nicht so viel laufen. Meine Beine haben schon x Kilometer gelaufen, darunter ganz viele Trainingskilometer und auch Marathon- und Halbmarathon-Kilometer plus die Triathlon-Kilometer auf dem Rennrad. Und nicht zu vergessen die Schwimm-Kilometer und die unzähligen Spaziergänge und die Fußgänge zum Bahnhof, zur Arbeit, Friseur, Einkaufen, etc. Ich kann also behaupten, dass meine Beine ganz gut funktionieren, ihrer Funktion entsprechend. Wenn ich das auf Design übertrage, bedeutet das: „form follows function“. Unter diesen Gesichtspunkten, fällt es mir etwas leichter meine Beine und mich zu betrachten.

Schönheit unterliegt Regeln

Dieter Rams, quasi der Designpapst, hat damals 10 Thesen zu gutem Produktdesign aufgestellt, die immer noch Gültigkeit haben. Wenn ich meine Beine nach diesen Kriterien beurteile, stelle ich fest, dass meine Kollegin wirklich Recht hat mit ihrem Kompliment. Lediglich der 1. These zum Thema Innovation werden meine Beine nicht gerecht, alle restlichen 9 erfüllen sie vollkommen, was sie wohl annähernd perfekt – also schön – macht:

1. Gutes Design ist innovativ
Die Möglichkeiten für Innovation sind noch längst nicht ausgeschöpft. Die technologische Entwicklung bietet immer wieder neue Ausgangspunkte für innovative Gestaltungskonzepte, die den Gebrauchswert eines Produktes optimieren. Innovatives Design entsteht aber stets im Zusammenhang mit innovativer Technik und ist niemals Selbstzweck.

2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar
Man kauft ein Produkt, um es zu benutzen. Es soll bestimmte Funktionen erfüllen – Primärfunktionen ebenso wie ergänzende psychologische und ästhetische Funktionen. Gutes Design optimiert die Brauchbarkeit und lässt alles unberücksichtigt, was nicht diesem Ziel dient oder gar entgegensteht.

3. Gutes Design ist ästhetisch
Die ästhetische Qualität eines Produktes ist integraler Aspekt seiner Brauchbarkeit. Denn Geräte, die man täglich benutzt, prägen das persönliche Umfeld und beeinflussen das Wohlbefinden. Schön sein kann aber nur, was gut gemacht ist.

4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich
Es verdeutlicht auf einleuchtende Weise die Struktur des Produkts. Mehr noch: es kann das Produkt zum Sprechen bringen. Im besten Fall erklärt es sich dann selbst.

5. Gutes Design ist ehrlich
Es lässt ein Produkt nicht innovativer, leistungsfähiger, wertvoller erscheinen, als es in Wirklichkeit ist. Es versucht nicht, den Verbraucher durch Versprechen zu manipulieren, die es dann nicht halten kann.

6. Gutes Design ist unaufdringlich
Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte deshalb neutral sein, die Geräte zurücktreten lassen und dem Menschen Raum zur Selbstverwirklichung geben.

7. Gutes Design ist langlebig
Es vermeidet modisch zu sein und wirkt deshalb nie antiquiert. Im deutlichen Gegensatz zu kurzlebigem Mode-Design überdauert es auch in der heutigen Wegwerfgesellschaft lange Jahre.

8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail
Nichts darf der Willkür oder dem Zufall überlassen werden. Gründlichkeit und Genauigkeit der Gestaltung sind letztlich Ausdruck des Respekts dem Verbraucher gegenüber.

9. Gutes Design ist umweltfreundlich
Das Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es bezieht die Schonung der Ressourcen ebenso wie die Minimierung von physischer und visueller Verschmutzung in die Produktgestaltung ein.

10. Gutes Design ist sowenig Design wie möglich
Weniger Design ist mehr, konzentriert es sich doch auf das Wesentliche, statt die Produkte mit Überflüssigem zu befrachten. Zurück zum Puren, zum Einfachen!

Body Positivity

Bisher konnte ich mit dieser ganzen Body Positivity und „Jeder-ist-schön-Bla-Bla“ nichts anfangen. Zum einen liegt das daran, dass ich nichts an mir – bis zu dem Tag als das Kompliment zu meinen Beinen kam – gut oder schön gefunden habe, zum anderen aber auch daran, dass ich nicht verstehe, weshalb sich plötzlich jeder schön fühlen soll. Ob ich schön bin oder nicht, macht mich nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen. Von daher versuche ich einfach nur die beste, gesündeste Version von mir selbst zu sein für einen möglichst langen Zeitraum – idealerweise bis zum Ende meines Lebens. Ich muss nicht von anderen schön gefunden werden, denn ich bin mit mir im Großen und Ganzen zufrieden, auch wenn ich viel Optimierungspotential an mir sehe, aber das sehe ich nicht nur an meiner sportlichen und körperlichen Leistung, sondern viel mehr noch an zwischenmenschlichen Beziehungen. Es gibt viel, wo ich besser werden könnte, sollte oder müsste: Ich müsste tollere Ideen im Job haben, ich sollte wieder anfangen zu illustrieren, ich sollte mich gesellschaftlich und politisch engagieren, ich müsste mehr Stabi-Übungen machen, oder zumindest regelmäßiger, ich könnte mal wieder mit meiner besten Freundin richtig feiern gehen, ich sollte öfters meine Eltern anrufen und meine alten Tanten besuchen oder meine Cousine nicht nur am Geburtstag sehen und meinem Mann müsste ich öfter zeigen wie glücklich ich mit ihm bin …

Überhaupt: ich sollte viel öfter mal den Kopf ausschalten und eine Runde laufen gehen und dabei einfach nur dankbar sein.

In diesem Sinne, seid gut zu euch selbst und zu allen anderen.

Eure Kia

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