Mein innerer Angsthase – von der Rolle zurück auf die Straße

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Innerer Angsthase

Oder: Warum mein kleiner innerer Angsthase mich nach einem Beinah-Unfall so sehr bekloppt gemacht hat, dass ich nur noch Rolle gefahren bin. Oder: Vielleicht sollte ich meinen Beruf wechseln und Tiertrainer werden – mit Angsthasen kenne ich mich aus.

Der ein oder andere hat möglicherweise auf unserem Insta-Channel vor einigen Monaten gesehen, dass mein Mann und ich bei unserer ersten Ausfahrt mit meinem neuen roten Flitzfiets von Rose einen mega großen Schutzengel hatten. Auf dem Heimweg, auf einer eher ruhig befahren Straße (für die Duisburger: Masurenallee, zwischen DB Cargo und Pippolino), fuhr ich mit knapp 35 km/h vorne weg, mein Mann hinter mir und hinter ihm hatten sich noch zwei andere Fahrer in den Windschatten gelegt, die wir eine Ampel zuvor getroffen hatten. Plötzlich zog ein schwarzer, großer BMW ohne zu blinken oder das Tempo zu drosseln einfach aus der Gegenfahrbahn über unsere Straßenseite, um auf einer Schotterfreifläche zu parken. Ich konnte gar nichts mehr, weder die anderen hinter mir warnen, noch schreien, nur bremsen, versuchen auszuweichen und irgendwie durch die Situation kommen. Ich bin links am Heck des BMW vorbeigefahren und dabei selber fast in den Gegenverkehr geraten, der aber sofort bremsen konnte. Das alles in Bruchteilen von Sekunden, im Schreck eine halbe Ewigkeit. Ich hörte nur Bremsgeräusche, „Scheiße“, „Ey“, „Aaaaaaaa“,  „Mach die Augen auf“, „Was soll der Scheiß“ usw. Ich hatte Angst vor dem Anblick, der mich erwarten würde, wenn ich mich jetzt umdrehe. Ich sah meinen Mann aufrecht: zum Glück. Dafür lag einer der beiden anderen Männer auf dem Schotter, war aber gerade dabei aufzustehen. Mit wackeligen Knien und plötzlich ebenfalls wieder in der Lage zu schreien ging ich zu den anderen, legte mein Rad beiseite und musste mich setzen. Ich konnte nur noch heulen, war am zittern und versuchte meinen Atem zu beruhigen. Da war er: Mein innerer Angsthase. Randale. Der BMW hatte übrigens ein sich kurz vorm Kotzen befindendes Kind auf der Rückbank, so dass er, weil rechts alles zugeparkt war, eben einfach links über die komplette Gegenfahrbahn gezogen ist, um den Jungen nach draußen zu befördern. Dabei hat er nicht auf den Gegenverkehr geachtet, er hat angegeben er hätte uns nicht gesehen – mich in meiner knallroten Jacke auf einem knallroten Rennrad nicht gesehen!?  Die Autofahrer hinter dem BMW verhielten sich vorbildlich: Stiegen sofort aus und haben geschaut, ob irgendwer von uns Hilfe braucht, dann sind sie aber auch weitergefahren. Der Radfahrer, der den Sittich gemacht hat, hatte einen gebrochenen Helm, zum Glück nur Prellungen und Schürfungen, und noch andere Schäden am Rad. Rouven, mein Mann, und ich hatten extrem Glück. Der 18.02. ist seitdem unser zweiter Geburtstag, aber auch leider das Erstarken meines inneren Angsthasen.

Der kleine Angsthase macht Krawall

So viel zum Unfall. Eigentlich müsste man jetzt einfach so weitermachen wie bisher, aber für mich war nichts mehr wie bisher. An den folgenden Wochenenden konzentrierte ich mich aufs Laufen, da ich eigentlich den HM in Benrath mitlaufen wollte – wegen zuviel Arbeit und heftigen Erkältungen, daraus resultierend mangelndes Training, bin ich dort doch nicht gestartet. Ich habe mich also eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr auf mein rotes Flitzfiets gesetzt – besser gesagt, bin nur Rolle gefahren. Am ersten Mai Wochenende war meine erste Ausfahrt seit dem Unfall. Meinem inneren Angsthasen haben wir versprochen, dass die Ausfahrt mit wenig Verkehr und viel Landschaft ist. Wir fuhren mit Freunden irgendwo bei Hünxe durch die Felder, meist über asphaltierte Feldwege. Landschaftlich total schön, wenig Verkehr, rücksichtsvolle Autofahrer, verdiente Kaffee-Kuchen-Pause, perfektes Wetter: Alles gut. Anfangs war ich sehr angespannt, mein Angsthase hoppelt etwas ungestüm durch meinen Bauch, aber als ich die ersten Kilometer gefahren bin und merkte, dass kaum Verkehr auf den kleinen Feldstraßen war, wurde ich locker. Es hat so viel Spaß gemacht! Und der kleine innere Angsthase war ruhig, zuckte nur manchmal kurz, wenn wir durch einen Ort gefahren sind oder Baustellen oder Schotter zu bewältigen war. Am liebsten würden er und ich nur noch übers platte Land fahren.

Gestern war aber alles wieder irgendwie anders. Auf meinem Plan (ich bereite mich auf meine erste Olympische Distanz in Xanten vor) stand 90 Minuten Rad, also überlegten wir, wo wir eine kleine Strecke fahren könnten, von Zuhause aus: Aus der Stadt raus, nach Möglichkeit nicht über die oben beschriebene Masurenallee, möglichst verkehrsberuhigt. Alleine der Gedanke an Straßen mit vielen Autos ließ meinen Puls schon hochschnellen, die Hände schweißnass, Brechreiz und Enge in der Brust – mein kleiner innerer Angsthase macht so richtig Krawall. Trotzdem: Klamotten an, Flaschen auffüllen, Rad schultern, runter vor die Tür. Uhr starten, Herzfrequenz bei 135 – nicht gut, aber wat willste machen. Also los. Die ersten Straßen aus der Stadt raus überlebt, dann erst mal kurz Trinkpause, Puls normalisiert (HF 98) weiter durch die Felder, relativ entspannt. Bis zur Kölner Straße. Rouven hatte mir zuvor grob erklärt, wo wir langfahren. Die Rede war von „kurz die Kölner runter“. Als wir endlich davon abgefahren waren, ging bei mir nichts mehr. Meine Schultern, Arme, Hände schmerzten, Beine wackelig, Zittern. Also rechts ran und im Schatten einfach auf den Bürgersteig gesetzt. HF 174. Laut Rouven wird es jetzt entspannter: Landstraße schön an der Ruhr lang, dann den Esel hoch. Und tatsächlich, Entspannung setzte beim kleinen inneren Angsthasen ein und damit auch bei mir. Dann den Esel (Berg) hoch und relativ locker oben angekommen – der Knoten war geplatzt. Von da an ging es wieder über Landstraßen mit mäßigem Verkehr weiter nach Hause.

Reden hilft, erst recht mit kleinen inneren Angsthasen

Eigentlich war der Plan auf dem letzten Stück auch wieder die Masurenallee zu umfahren, aber ich fuhr vorneweg wohl wissend an dem entsprechenden Abzweig vorbei, so dass wir über die „Gefahrenstraße“ Masurenallee mussten. Ich wollte meinem inneren Angsthasen zeigen, dass wir dort ganz ruhig fahren können und uns nichts passieren wird. „Alles gut” sprach ich ihm immer wieder beruhigend in die langen Ohren. Die Anspannung war groß, aber er verhielt sich ruhig – vielleicht war er auch ein wenig in Schockstarre. Keine Ahnung, aber plötzlich merkte ich, wie der kleine innere Angsthase aus seinem allerletzten hintersten Winkel aus meinem Bauch herauskam und sich zu mir auf die Schulter setzte. Ja, das können kleine innere Angsthasen. Von da oben aus hat er nämlich eine super gute Aussicht und hat mit mir ganz aufmerksam, zwar angespannt aber ruhig, den Verkehr beobachtet. Nach dieser Tour haben wir uns die Pommes verdient – Soulfood, genau richtig für kleine innere Angsthasen. Und was soll ich sagen: er ist wieder in meinen Bauch zurück gehoppelt und hat sich wohlig eingemümmelt und es sich im Pommesbett gemütlich gemacht. Ich behaupte einfach mal, dass ich anscheinend doch ganz gut mit inneren Angsthasen umgehen kann – ich muss nur geduldig sein – und auch diejenigen, die mit mir zusammen fahren. Danke, Rouven.

Mutiger Angsthase

Wie geht ihr mit Angstsituationen um?

Eure Kia

 

 

Photo by Iván C. Fajardo on Unsplash

Photo by Gary Bendig on Unsplash

Kommentare 3

  1. Hey Kia,
    endlich komme ich auch mal dazu, deinen Artikel zu lesen und zu kommentieren.
    Ich finde es ziemlich hart, was du da durchgemachst hast und krass, wie du damit umgehst. Ich hab oft schon bei ganz normalen Abfahrten ohne jeglichen Verkehr Schiss. Und manchmal kommen auch so irrationale Vorstellungen von möglichen Unfällen dazu….
    Als Radler lebt man leider gefährlich, aber ich weiß selbst, dass es nichts bringt sich alle Horrorszenarien vor Augen zu halten.
    Schön, dass du langsam wieder reinkommst.
    Ich wünsche dir viel Spaß und weiterhin einen starken Schutzengel unterwegs!
    Beste Grüße,
    Lotta

    • Kia

      Hallo Lotta,
      Dankeschön 🙂 ich versuche mir einfach Zeit zu geben, oder definitiv nicht alleine auszufahren. Aber dieses „einfach wieder aufsteigen“ sagt sich viel leichter, als es wirklich zu machen. Das ist nämlich leider für mich zumindest gar nicht so einfach, sondern Überwindung.. Jedenfalls, wenn ich mich nicht zu meiner ersten Olympischen Distanz im September angemeldet hätte, würde ich wohl kaum meinen Trainingsplan versuchen durchzuziehen. Ich lese euren Blog jedenfalls sehr gerne, quasi meine Morgenritual und freue mich auf euren nächsten Post 🙂
      Lieben Gruß,
      Kia

      • Hey Kia,
        das freut mich zu hören! Vielen Dank für die Blumen! 😀
        Und ich bin mir sicher, dass du auch wieder ins Radfahren reinkommst und Vertrauen fasst. Der Wettkampf wird wahrscheinlich ein Kinderspiel für dich nach diesen Erfahrungen…
        Lass dir Zeit und mach dir keinen Stress! Du schaffst das auf jeden Fall!
        Und diesen Autofahrern werden wir es noch zeigen!
        Eine schöne Woche wünsche ich dir!
        Lotta

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