Meine neue Work-Lauf-Balance

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Motivation

Ihr kennt das bestimmt: Diese Tage, an denen man denkt, man ist der absolute Looser, man bekommt vor lauter Arbeit nichts mehr geregelt außer: Aufstehen, arbeiten, schlafen, und das in Dauerschleife. Die Motivation ist im Keller: man weiß beim besten Willen nicht, wie und wann man noch Sport dazwischen einbauen soll.

Ich frage mich dann immer, wie zur Hölle es diese ganzen lustigen Instagramer und Sportblogger dieser Welt schaffen, ihre Trainingspläne einzuhalten oder regelmäßig zu trainieren plus natürlich ihr Essen noch – na klar, super healthy und organic – selbst einzukaufen, zu kochen, für Instagram nett herzurichten, das perfekte Foto zu machen, dieses dann noch zu befiltern und sowieso perfekt in die Kamera schauen. Überall perfekte Körper, perfekte Performance und wer das nicht hat, der glänzt dann eben mit der perfekten Personality oder der im Moment ach so hippen Selbstliebe, Achtsamkeit oder NoBodyshaming. Haben die alle keinen Job – kein echtes Leben? Oder habe ich einfach nicht genug Motivation? Ich fühle mich genau dann immer so, als sei ich die absolut unfähigste Person auf diesem Planeten und mache mich selber fertig, weil ich offensichtlich all das einfach nur nicht stark genug will, dieses Sport treiben und gesund sein und diese Work-Life-Balance und all das socialmediakompatible Whatever. Am liebsten würde ich mich dann selber auskotzen, weil ich mich so furchtbar unfähig finde. Doch wenn ich mal realistisch reflektiere, wie mein Tagesablauf in der letzten Zeit/Monaten aussieht (um 7 aufstehen, um 8 aus dem Haus, ne Stunde zur Arbeit pendeln, von 9-20 oder 21 Uhr arbeiten, wieder ne Stunde nach Hause pendeln), finde ich wirklich nur Lücken, an denen ich Sport einschieben kann, von regelmäßig und nach Plan ist da nicht mehr die Rede. Bitte nicht falsch verstehen – ich beschwere mich hier nicht über meinen Job. Ich frage mich nur, wie andere es schaffen, sich neben dem Beruf auf Wettkämpfe vorzubereiten, oder ob sie vielleicht die gleichen Probleme haben wie ich, oder ob die meisten Sportblogger entweder flexible Arbeitszeiten haben, sofern sie angestellt sind, oder ob sie selbständig sind und sich ihre Zeit besser einteilen können?

Trainingsplan oder Lebensplan oder gar kein Plan?

Man kann sie überall lesen, diese tollen Sprüche in einschlägigen Blogs, Foren etc.: „du muss es nur wollen“, „arbeite an deiner Motivation, inneren Einstellung”, „dann trainiere doch morgens“, „du musst dir deine Zeit einfach besser einteilen“, „erfolgreiche Menschen haben folgende Routinen/Rituale“, bla bla bla … Klar, ich könnte mir aneignen morgens früh zu laufen, aber ich bin einfach kein Morgentyp und schon gar nicht, wenn ich zum Beispiel Intervalltraining auf dem Plan habe – dazu muss ich einfach hellwach und nicht schläfrig von der Nacht sein. Deshalb kann ich am besten unter der Woche abends trainieren. Wenn ich aber unter der Woche erst zwischen 21 und 22 Uhr zuhause bin und dann platt vom Tag zur Tür reinkomme, versuche ich dem vorwurfsvollen Blick meiner Laufschuhe auszuweichen – ein Ding der Unmöglichkeit: Meine Laufschuhe stehen im Hausflur vor der Wohnungstüre. Sie starren mich direkt an, wenn ich die Treppe hochkomme. Also packt mich, noch bevor ich den Schlüssel umgedreht habe und in der Wohnung verschwinden kann, direkt das schlechte Gewissen, dass ich einfach nicht leistungsstark genug, nicht wach genug, nicht willensstark genug oder was auch immer nicht genug bin. Diese Gedanken machen mich dann so richtig wütend auf mich selbst.

In diesen Momenten habe ich keine Ahnung wie viele Stimmen in meinem Kopf auf mich einreden. Die einen, die mir sagen, dass ich mich mal entspannen soll, dass ich schon ganz okay bin, wie ich bin, dass es okay ist einfach müde zu sein und direkte ins Bett zu gehen oder noch einen kleinen Abstecher auf die Couch zu machen. Die anderen, die mir einreden, dass es mir an Motivation mangelt, ich einfach nur zu faul bin und es deshalb zu nichts im Leben bringen werde – bestenfalls Mittelmaß. Meine Gedanken schreien mich so sehr, dass ich es ihnen am liebsten gleich tun will: Zurückschreien. Letztens habe ich es geschafft abends laufen zu gehen: Quasi Therapielaufen nach 21 Uhr. Meine Laufstrecke führt um diese Uhrzeit nur durchs Stadtgebiet, aber der Wald ist nicht weit – nur eine Stichstraße entfernt. Das habe ich letztens genutzt. Ich bin einfach kurz bis zum Waldrand gelaufen und habe in den Wald gebrüllt. Bisschen irre vielleicht, gebe ich zu, aber es tat gut. Mich hat auch keiner gesehen und es kam auch keine Antwort aus dem Wald. Danach bin ich einfach weitergelaufen, dabei habe ich in mich reingelacht, oder vielleicht auch nach außen sichtbar gelacht, bin mir da nicht mehr so sicher. Was ich aber noch ganz genau weiß, plötzlich hatte ich wieder gute Laune und mein Lauf hat mir auf einmal Spaß gemacht, keine Pflichtübung mehr, um einen Plan einzuhalten. Welchen Plan überhaupt. Der kurzfristige Trainingsplan, den ich für mich vielleicht habe, um den nächsten HM zu laufen, oder doch eher mein Lebensplan so lange wie möglich gesund und glücklich zu sein? Das ist doch meine eigentliche Motivation Sport zu treiben.

Ein Plan zum brechen

Regeln sind zum Brechen da – eine meiner Lieblingsregeln in der Gestaltung. Das werde ich mir jetzt für meine Pläne auch vornehmen: Pläne sind zum brechen da – vor allem dann, wenn es mir beim Brechen des Plans besser geht als wenn ich ihn einhalte. Bevor ich mich ungenügend fühle, weil ich mal wieder nicht zum trainieren komme, will ich mich in Zukunft freuen, dass ich trainieren kann. Ich will in Zukunft meine inneren Stimmen anschreien und zum Schweigen bringen, wenn sie mir wieder einreden, dass es mir an Motivation mangelt und ich nichts schaffe, nur weil ich mir eingestehe müde zu sein und lieber schlafen zu wollen. Ich will in Zukunft weiterhin gerne und viel Sport machen, weil es mir Spaß macht und nicht, weil ich etwas schaffen muss, oder weil irgendwer das von mir erwartet. Ich will meinem eigenen Selbsthass versuchen nicht mehr so viel Raum zu geben. Das wird hart werden und ich werde vermutlich daran mal mehr oder weniger scheitern, aber ich glaube wirklich, dass das Wichtigste im Leben ist gesund zu sein. Diese Gesundheit betrifft zum einen die sportliche Leistungsfähigkeit, aber die kann nur so lange bestehen, so lange die Psyche auch gesund ist. Ich glaube ich habe einen Hang dazu, mich selber psychisch fertig zu machen, darin bin ich richtig gut –wenn es dafür einen Preis gäbe, würde ich wirklich oft auf dem Siegertreppchen ganz oben stehen. Besser: Wenn es eine Olympiade im Selbst-kleinreden und Selbstverachtung gäbe, ich wäre auf jeden Fall dabei.

Falls sich jetzt wer wundert, weshalb ich solche Geständnisse hier öffentlich schreibe: ich vermute einfach mal, dass ich trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser superoptimierten Instagram-Welt nicht alleine bin mit dieser Art von Gedanken. Und der zweite Grund – der eigentlich der erste Grund sein sollte, weil ich mich in Zukunft gesünder behandeln will –  ich kann mir diesen Beitrag immer wieder vorhalten, wenn ich mich mal wieder selbst fertig machen will.

In diesem Sinne: macht das Beste draus.

Eure Kia

KategorieEinstellungssache
Kia

von

Ich bin Kia – eigentlich Saskia – und schreibe hier über meine persönlichen Erfolge, Misserfolge, und Freuden meines Alltags. Ich bin gerne an der frischen Luft und fühle mich pudelwohl, wenn ich mich bewegen kann. Hauptsache kein Stillstand.

Kommentare 2

  1. Liebe Saskia,

    ich wünsche dir, dass Du in einigen Monaten gar Jahren lachend auf diesen Beitrag zurückschaust und sagen wirst: Das war das Beste, was ich gemacht habe!

    Ich wünsche dir viel Kraft gegen die inneren Stimmen anzuschreien 🙂

    Liebe Grüße,
    Kai

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